Kurzportrait

Manfred HanischDen Studienabschluss als Dipl.-Sozialpädagoge habe ich in den 70er Jahren an der Fachhochschule gemacht, danach wählte ich die stationäre Jugendhilfe als Arbeitsbereich, in dem ich schon vor dem Studium erste praktische Erfahrungen gemacht hatte. Schon bald erschien mir die Arbeit dort sehr anstrengend, verschiedenen BerufskollegInnen ging es ähnlich, was wir uns zunächst nicht erklären konnten. In den nächsten Jahren sahen wir immer mehr die Erfordernis, unsere bisher praktizierte Arbeitsweise (die ich als "mechanische Arbeitsweise" bezeichne nach dem Motto: „Mehr hilft mehr“ oder "wenn du es so machst wie ich es dir sage, geht es dir gut“) zu überschreiten.
In den 80er Jahre lernte ich am damals in Deutschland führenden „Institut für Familientherapie“ in Weinheim erstmals systemische Sichtweisen kennen, nach denen es Auffälligkeiten auf der Handlungsebene bei Kindern und Jugendlichen nicht mehr nur „abzutrainieren“ galt, sondern die diese als bedingt u.a. durch Beziehungs- und Entwicklungskonstrukte in Familien und damit zur Persönlichkeit gehörend beschrieben.
In dieser Zeit begannen wir in unserer Jugendhilfe-Einrichtung im Rheinland mit der Einführung einer systemischen Eltern- und Familienarbeit, die wir laufend entwickelten und die eine qualitative Beschreibung der Arbeit in der Einrichtung über viele Jahre bis in die heutige Zeit ermöglichte.
Mir selbst erlaubte die neue Ausrichtung unserer Arbeit stärker die Vermeidung von Überforderung, da es möglich wurde, Verantwortung zu relativieren (nicht: abzugeben !) und Handlungsweisen als bedingte Handlungen zu verstehen. Schließlich wurde es uns möglich „die Hinwendung zur Familie (der bei uns untergebrachten Kinder, M.H.) als dem Ort in der Welt an dem sich Identität im Entwurfshandeln konstruiert“ (Bruno Hildenbrand in „Familiendynamik“ 2/2011) zu vollziehen.
Für die eigene Arbeit bedeutete das:
Es ergab sich eine neue Wertschätzung gegenüber der Herkunftsfamilie und neue Erklärungsmodelle für Besonderheiten „unkonventioneller Familien“ aufgrund ihrer Strukturbedingungen (das sind solche Familien, die sich durch die Abwesenheit einer zentralen Person, z.B. des Vaters, ausweisen, vgl. Funcke/Hildenbrand: „Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie", Heidelberg 2009).

Damit sahen wir auch die Relativierung der eigenen Rolle im Prozess der sog. Fremderziehung (Umgehen mit nicht eigenen Kindern) deutlicher. Dies verminderte deutlich den Druck, der z.B. aufgrund von realen bzw. vermeindlichen „Misserfolgen“ im Erziehungs-/Betreuungsprozess entstand.

Auf dem Weg hin zu einer Beschreibung von Persönlichkeit war aber noch ein weiterer Schritt erforderlich: Der Blick auf die Substanz der „dritten Generation“ und die von dort aus inzwischen erfolgte Weiterentwicklung des Familiensystems. Das bedeutete: Wir fanden, dass auch die Oma(s) und die Opa(s) der Kinder, mit denen wir zu arbeiten hatten, von Bedeutung sind. Sofern möglich, so stellte sich heraus, ist es sinnvoll, auch noch die "vierte Generation", also die Ur-Großeltern, unter diesem Aspekt mit ihrer Lebensweise in Betracht zu ziehen.

Dieses lernte ich Ende der 80er Jahre bei Helmut Johnson (u.a.) in der von ihm geleiteten Ausbildung in Familientherapie und –beratung in Siegen. Diese zentralen Gedanken tauchten dann später erneut in der Genogrammanalyse von Prof. Bruno Hildenbrand, Universität Jena / System. Institut Meilen/Zürich/CH, auf und ich konnte sie durch meine häufigen Besuche in der "Werkstatt Klinische Soziologie" bei Bruno Hildenbrand an der Universität Jena seit 2008 vertiefen. Nachdem Bruno Hildenbrand seit 2014 nicht mehr in Jena lehrt, habe ich das Glück, familiensoziologische Betrachtungen gelegentlich bei einer seiner Schülerinnen, Prof. Dr. Dorett Funcke, Fernuniversität Hagen, fortzusetzen. 

Zentral für meine systemische Arbeitsweise ist damit die Sicht, dass Personen nicht „vom Himmel gefallen“ sind, sondern aufgrund ihrer Familiengeschichte individuelle Grundlagen zur Verfügung haben, auf denen sie eigene Schritte machen, d.h., sich mit den Anforderungen in ihrer Zeit auseinandersetzen.

Oder – wie es Rosmarie Welter-Enderlin einmal ausdrückte: Menschen machen persönliche Vorgaben aus ihrer Geschichte und ihrer Zeit zu persönlichen Aufgaben ihrer Zukunft.